COVID-19 & Umwelt

Resilienz auf lokaler Ebene dank Unterstützung von Arbeitsplätzen für die ökologische Wende

Der Begriff Resilienz hat derzeit Konjunktur. Allerdings ist er nur schwer fassbar. Resilienz lässt sich umschreiben als Art und Weise, wie wir Herausforderungen dank Anpassung und unter Einsatz verschiedener materieller und spiritueller Ressourcen bewältigen. Wenn das gesamte wirtschaftliche Leben unvermittelt zum Stillstand kommt, unsere Lebensweise bis zur Lähmung gestört wird und wir sogar Knappheit befürchten müssen, dann ist unsere Resilienz gefordert.

Die COVID-19-Krise hat den Begriff der Arbeit grundsätzlich in Frage gestellt: Welche Arbeit ist sinnvoll, schafft Reichtum und nützt der Gesellschaft? Oder etwas anders formuliert: Welche für Gesellschaft und Umwelt nutzbringenden und bisher unterschätzten Tätigkeiten werden in Zukunft unverzichtbar sein?

1/1 – © BAFU | Adrien Quan, collectif Marie-Louise

Plötzliche Bewusstwerdung

Die Gesundheitskrise hat den Mangel an Wertschätzung gemeinnütziger Tätigkeiten in unseren Gesellschaften deutlich zutage gefördert. Das gilt namentlich für Gesundheitsberufe (Pflegende, Ärzteschaft), aber auch für andere Akteure der Zivilgesellschaft (karitative Einrichtungen, Freiwillige). Ohne diese hoch qualifizierten Fachkräfte – denen während der Krise allabendlicher Applaus zuteilwurde – und ohne gegenseitige Hilfe im Familien- und Freundeskreis bleibt Resilienz ein leerer, körperloser Begriff.

Gleichzeitig haben zahlreiche private Einrichtungen, die sich für die ökologische Wende einsetzen, einen regelrechten Boom verzeichnet, unter anderem die Heimlieferdienste oder die Anbieter von Gemüsekörben. Einige dieser Akteure verknüpfen ihre wirtschaftliche Tätigkeit mit sozialem Engagement, zum Beispiel bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt (etwa im Bereich der Mobilität, der kundennahen Dienstleistungen, der Verwertungsdienstleistungen und der urbanen Landwirtschaft) – dies trotz aleatorischer Unterstützung durch die öffentliche Hand und Geschäftsmodellen, deren Fortbestand noch nicht gesichert ist.

Selbst «klassische» Unternehmen haben ihre angestammte Produktion an die veränderten Bedürfnisse während der Pandemie angepasst (Herstellung von Desinfektionsmitteln anstatt von Parfums). Angesichts des Mangels an Produkten, die für unsere Gesundheit unverzichtbar sind, haben wir die Absurdität unserer praktisch vollkommenen Abhängigkeit von China deutlich zu spüren bekommen – und erkannt.

Und es ist uns bewusst geworden, dass die für die Wende unverzichtbaren Berufe eine Begleitung erfordern: Warum nicht denjenigen helfen, die sich neu orientieren und künftig eine Tätigkeit mit gesellschaftlichem Nutzen ausüben wollen? Uns ist klar geworden, dass unsere bisherigen Produktions- und Konsumgewohnheiten, welche die Belastbarkeit unseres Planeten übersteigen, an ihre Grenzen stossen. Sollen wir noch mehr Ökosysteme zerstören und weiterhin Raubbau betreiben an der ohnehin rapide schrumpfenden Biodiversität, die uns dafür den Spiegel vorhält, oder werden wir vernünftiger sein? Für den Vollzug der Wende – das heisst, den Schritt aus einem vertrauten Rahmen in eine neue Realität – braucht es vor allem auch gezielte öffentliche Investitionen und zweckmässige Hilfestellung.

Genau an diesem Punkt setzt das Konzept des Grundeinkommens für die ökologische Wende beziehungsweise des ökologischen Grundeinkommens (ÖGE) an – als Ergänzung anderer Instrumente wie etwa steuerliche Anreize für verantwortungsbewusste Unternehmen.

Grundeinkommen für wen – und wofür?

Das ÖGE ist ein politisches Instrument zur Beschleunigung der ökologischen Wende und vor allem auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen mit ökologischem und gesellschaftlichem Nutzen. Dieses Instrument ist für Gesellschaften sinnvoll, die im Einklang mit den aus wissenschaftlichen Berichten (IPCC/IPBES) abgeleiteten ökologischen Grundsätzen leben wollen: Um in den kommenden Jahren den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 2 Grad zu begrenzen – im Bewusstsein, dass eine stärkere Erwärmung für das System Erde zu viele Unbekannte bergen und den Fortbestand des Lebens gefährden könnte –, müssen wir unseren Ausstoss an Kohlenstoff drastisch reduzieren. Die Zerstörung der Ökosysteme, die das planetare Gleichgewicht bedroht, muss gestoppt werden, und unser Wirtschaften darf die Belastbarkeitsgrenzen unseres Planeten nicht überschreiten.

Das ÖGE baut auf einer ökozentrierten Ethik auf: Der Schutz der Erde ist eine Voraussetzung für das Überleben der Menschheit – man denke nur an die Ernährungssicherheit, die gefährdet ist durch wiederholte Hitzewellen (Trockenstress, Zunahme von ernteschädigenden Insekten), Naturkatastrophen (Wirbelstürme, Megafeuer usw.) und durch den Verlust der Bodenfruchtbarkeit aufgrund des massiven Einsatzes von Pestiziden. Bedroht ist in erster Linie die Menschheit: Es geht um unser eigenes Überleben, um Kinder auf der Südhalbkugel, die nahezu unbemerkt verhungern, um Millionen Menschen ohne Arbeit weltweit, um die angestrebte wirtschaftliche Belebung, von der man aber nicht weiss, wem sie zugutekommen soll und wie sie herbeigeführt werden kann.

Die Berufe der Wende – im Bereich der erneuerbaren Ressourcen, der Bildung, der Ernährungssicherheit, der Textilien, der Energie oder der CO2-armen Landwirtschaft – sind auf Unterstützung angewiesen, und zwar nicht nur in monetärer und individueller Hinsicht, sondern in Form von Schulung und Vernetzung. Genau darauf zielt das ÖGE ab: Es hilft Arbeitgebern einer Gemeinde oder Region dabei, zusammenzuarbeiten, und zwar untereinander (gemeinsame Nutzung von Werkzeugen und Anbauflächen, Ausbildung) wie auch mit anderen lokalen Akteuren. Im Vordergrund steht nicht die Ankurbelung des Konsums, sondern die Schaffung kurzer Kreisläufe. Schulkantinen, lokale Lebensmittelgeschäfte, Quartierrestaurants, Verkehrs- und Verteilnetze, die gesamte Kette von der Produkteverarbeitung bis hin zum Catering bilden ein Gefüge von Schlüsselakteuren für die Landwirtschaft, aber auch für den Langsamverkehr, den lokalen Handel sowie die Belieferung von älteren Personen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Hier liegt ein enormes Potenzial für die Schaffung von Arbeitsplätzen, die nichts mit der verbreiteten Uberisierung gemein hat.

Von der Theorie zur Praxis

Das ÖGE ist mehr als eine abstrakte Idee[1]. Die erste Genossenschaft für die ökologische Wende, welche ein ÖGE auszahlen soll, wurde 2019 in der nordfranzösischen Stadt Grande-Synthe auf Initiative des damaligen Bürgermeisters und heutigen Europaparlamentariers Damien Carême gegründet. Dieser erkannte im «Revenu de transition écologique» (RTE bzw. ÖGE) eine sinnvolle Ergänzung zum staatlich garantierten Mindesteinkommen für Personen, die unter der Armutsgrenze leben (60 % des Medianeinkommens, in der betreffenden Region im Mittel weniger als 10 000 Franken pro Jahr).

Entstehung, Geografie und Erbe von Grande-Synthe sind eng mit der Industriegeschichte verflochten. Der Begriff der ökologischen Wende ist somit auch in dieser Hinsicht passend. Seit dem Sommer 2020 richtet die Genossenschaft für die ökologische Wende das Grundeinkommen an drei Personen aus, darunter ein ehemaliger Informatiker, der sein Know-how in seine neue Tätigkeit einbringt. Eine Erörterung dieses inspirierenden Beispiels von Resilienz findet sich auf der Website der Stiftung Zoein, welche die Praxisversuche unterstützt und wissenschaftlich begleitet.[2]

Die Idee wurde anderswo in Frankreich aufgegriffen, so etwa in der Region Nouvelle Aquitaine mit der Schaffung von Lokalwährungen als Schwerpunkt und in der Region Occitanie, wo im Herbst 2020 die zweite Genossenschaft für die ökologische Wende mit Fokus auf Waldwirtschaft und Biodiversität gegründet werden soll.

Auch die Schweiz wollte mitziehen, und so haben sich Parlamentarierinnen und Parlamentarier, Denkfabriken sowie gewisse Gemeinden und Kantone (darunter die Waadt) des Themas angenommen.[3] Zielen politische Vision und Anliegen der Akteure vor Ort in die gleiche Richtung, entsteht eine starke, kohärente und langfristige Dynamik. Angestrebt wird nicht ein Stillstand der Wirtschaft, sondern deren Neuausrichtung mit dem Zweck, gesellschaftlichen Reichtum zu erschaffen.

Letzten Endes ist genau dies ein praktisches Beispiel für Resilienz in unserer gegenwärtigen Realität: die Akzeptanz einer Situation, auf die wir zwar keinen Einfluss haben, die wir aber als Gelegenheit nutzen können, um Abstand zu nehmen und ohne Schuldzuweisung grundlegende Fragen zu stellen – und um das wahre Gesicht der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation zu erkennen, in deren Schlepptau die ökologische Krise herannaht. Resilienz zu beweisen bedeutet nichts anderes, als sich für das Leben zu entscheiden – und zwar für ein gutes, wenn nicht gar besseres Leben.

[1] Für Einzelheiten zum ökonomischen Modell und zur praktischen Ausgestaltung der laufenden Versuche siehe Le revenu de transition écologique: mode d'emploi, Puf, 2020.

[2] https://zoein.org/le-revenu-de-transition-ecologique/les-territoires-dexperimentation-en-france/

[3] https://www.vd.ch/toutes-les-actualites/communiques-de-presse/detail/communique/les-mesures-dinsertion-un-outil-precieux-qui-permet-de-sortir-de-laide-sociale-et-sadapte-aux-ev/

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.