COVID-19 & Umwelt

Mit gezielter Unterstützung von Angebot und Nachfrage eine Rezession verhindern

Eine der Besonderheiten der durch das Coronavirus ausgelösten Wirtschaftskrise besteht darin, dass das Angebot und die Nachfrage für zahlreiche Güter und Dienstleistungen gleichzeitig eingebrochen sind. Restaurants und die meisten Geschäfte mussten geschlossen bleiben, während die Bevölkerung aufgefordert wurde, zu Hause zu bleiben. Weiterhin geöffnete Geschäfte und der Onlineverkauf haben die verbliebene Nachfrage aufgefangen. Damit wurden starke Preisschwankungen verhindert. Nur die Preise von knappen Gütern wie Schutzmasken oder Rückführungsflügen schnellten kurz in die Höhe – hier explodierte die Nachfrage, ohne dass das Angebot zu folgen vermochte. 

Obst und Gemüse sowie Herrenvestons und Damenbekleidung verteuerten sich gegenüber dem Februar 2020 relativ stark, das heisst um 5 bis 15 Prozent. Hingegen gingen die Preise in der Hotellerie seit Februar um fast 10 Prozent zurück, genauso wie die Preise für fossile Energien, die ihrer eigenen Logik folgten. Insgesamt sank der Konsumentenpreisindex zwischen Februar und Mai trotz des abrupten Rückgangs um 0,2 Prozent.

1/1 – © BAFU | David Maye, collectif Marie-Louise

Um das Angebots- und Nachfragetief zu überwinden und eine Rezession zu verhindern, könnte sich der wirtschaftliche «Neustart» auf eine Stimulierung des Angebots – also eine Unterstützung der Unternehmen – abstützen. Dabei dürfte mit der erneuten Bewegungs- und Versammlungsfreiheit und den wieder steigenden Einkommen auch die Nachfrage entsprechend zunehmen. Erhöht sich die Nachfrage hingegen nicht, wird es zu einem Preiskrieg ohne echte Erholung kommen. Umgekehrt könnte sich der Neustart auf die Ankurbelung der Nachfrage – also die Unterstützung der Haushalte – abstützen unter der Annahme, dass das Angebot entsprechend folgen wird. Falls nicht, droht eine Inflation. In der Praxis hat der Bundesrat Angebot und Nachfrage gleichzeitig gestützt. In manchen Fällen tat er dies mit denselben Massnahmen, etwa mit der Ausweitung der Kurzarbeit. Diese verhilft den Produktionseinheiten zum Überleben und verhindert Arbeitslosigkeit, welche die Nachfrage dämpfen würde.

Chance nutzen, um die Transformation zu beschleunigen

Die Stärkung beider Seiten des Marktes ist der interessanteste Ansatz, um die Transformation hin zu einer nachhaltigen Entwicklung zu beschleunigen. So können beispielsweise die lokalen Obst- und Gemüseproduzenten und der lokale Verbrauch gleichzeitig gefördert werden. Man kann auf eine verbesserte Tierhaltung drängen, den Import von unter unwürdigen Bedingungen produziertem Fleisch verhindern, die Händler zur Senkung ihrer Margen auf Bioprodukte zwingen und derartige Produkte an bedürftige Personen verteilen. Oder Unternehmen, die energetische Gebäudesanierungen anbieten, sowie Eigentümerinnen und Eigentümer unterstützen, die bei der Organisation und Finanzierung der Renovation ihrer Häuser Mühe bekunden. Eine weitere Möglichkeit ist, das öV-Angebot auszubauen und die Tarife zu reduzieren, damit der öV-Anteil rascher wächst (gemäss dem Mikrozensus «Mobilität und Verkehr» entfielen im Jahr 2000 10 % der Wege auf den öV, 2015 waren es 13 %). Im Weiteren könnten Steuererleichterungen für Wärmepumpen und Elektroautos eine Zunahme der Stromnachfrage erzeugen, welche durch eine stärkere Unterstützung des Ausbaus von erneuerbaren Energien befriedigt würde.

Nicht alle Unternehmen in Schwierigkeiten wiederbeleben

Das Grundprinzip ist eine selektive und kohärente staatliche Unterstützung. Unter den am stärksten von Konkurs bedrohten Unternehmen haben zwangsläufig viele ohnehin keine Zukunft in einer Wirtschaft, welche die Belastbarkeitsgrenzen des Planeten respektiert. Glücklicherweise haben wir in der Schweiz weder Kohlebergwerke noch grosse Stahlwerke. Dennoch gibt es viele Einrichtungen, welche die Umwelt stark verschmutzen und am Leben erhalten wurden, um Arbeitsplätze zu bewahren. Regionale Flugplätze zum Beispiel und Skigebiete. Diese Einrichtungen werden lokal als too big to fail erachtet. Jetzt ist es an der Zeit, diese Abhängigkeiten zu lösen und eine Desinvestition und eine schrittweise Schliessung mit einer Neuplatzierung der Angestellten zu begleiten. Den übrigen Einrichtungen wird staatliche Unterstützung gewährt, wenn sie aufzeigen, wie sie ihren ökologischen Fussabdruck verkleinern wollen. Unternehmen, die als Gegenleistung für eine Reduktionsverpflichtung bereits die Rückerstattung der CO2-Abgabe erhalten, müssen darlegen, wie sie bis 2030 vollständig kohlenstoffneutral werden. Finanzinstitute, die staatliche Hilfen in Anspruch nehmen, müssen nachweisen, dass sie ihre Kreditvergabe- und Anlagepraktiken an den Zielen des Pariser Übereinkommens ausrichten.

Weisse Liste, schwarze Liste

Allgemein ist der Zeitpunkt gekommen, eine weisse Liste von dem zu erstellen, was wir für ein gutes Leben innerhalb der Belastbarkeitsgrenzen des Planeten wollen, und eine schwarze Liste von dem, was mit diesen Grenzen nicht vereinbar ist. Auf die erste gehören Energieeffizienz und erneuerbare Energien, auf die zweite Energieverschwendung und fossile Energien. Auf die weisse Liste zu setzen sind öffentliche Verkehrsmittel und Langsamverkehr, auf die schwarze grosse SUVs und übermotorisierte Autos und Motorräder. Lokal produziertes und saisongerechtes Obst und Gemüse steht auf der weissen Liste, Importfleisch aus Nord- und Südamerika auf der schwarzen. Natürlich gibt es zahlreiche Nuancen – Produkte, die sich weder als vollständig weiss noch als vollständig schwarz einstufen lassen. Eine ganz klare Grenze wird man nie ziehen können.  Wer wartet, bis dies möglich ist, wird nicht weiter vorankommen als bei den Bestrebungen, die Investitionen klimaverträglich auszurichten. Ich schlage vor, wie die wachsende Zahl von Fonds vorzugehen, die nicht mehr in Kohle, Ölsande, Fracking oder Öl- und Gasförderung in der Arktis investieren. Es ist nicht schwierig, die Besten und die Schlechtesten auszumachen: In einer fairen Transformation sollen erstere in ihrem Ausbau und letztere in der Einstellung ihrer Tätigkeit unterstützt werden.

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.