COVID-19 & Umwelt

Mobilität in der Ära von (Post-)COVID-19

«Die ganze Welt scheint in Bewegung zu sein.» Mit diesem Satz beginnt im Februar 2020 in einem Hörsaal der Universität Lausanne meine Vorlesung über Mobilitätsgeographie. Trotz gewisser Einschränkungen bezüglich dieser Tendenz erscheint die Mobilität wie ein unabdingbares und grundlegendes Merkmal moderner Gesellschaften.

«Die ganze Welt scheint zum Stillstand zu kommen.» So hätte nach der Verhängung des Lockdowns die Einleitung einer – diesmal online gehaltenen – Vorlesung lauten können. Da sich das Virus selbst nicht bewegt, muss seine Ausbreitung durch das Herunterfahren der menschlichen Mobilität eingedämmt werden. Damit geht der Verkehr drastisch zurück: Bahnhöfe, Flughäfen, Strassen und öffentliche Räume leeren sich.

Wir erleben eine «Demobilität»: Fahrten entfallen (weil vom Homeoffice aus gearbeitet oder auf die Ausübung von Aktivitäten verzichtet wird), bestimmte Strecken verkürzen sich (weil die nähere Umgebung Vorrang gewinnt), und gewisse Touren werden delegiert (an den Onlinehandel und an Zustelldienste). Welche Lehren lassen sich aus dieser Zeit ziehen? Was sind die wichtigsten Herausforderungen im Bereich Mobilität?

1/1 – © BAFU | Christian Bovey, collectif Marie-Louise

Arbeiten im Homeoffice – ein bedeutender Lerneffekt

Das Arbeiten im Homeoffice hat einen beispiellosen Boom erlebt. Es wird häufig als Instrument für das Mobilitätsmanagement betrachtet, weil sich auf diese Weise Pendelverkehr – vor allem zu den Stosszeiten – vermeiden lässt. Dabei muss man sich aber vor Augen halten, dass das Arbeiten im Homeoffice – zumindest vor Ausbruch des Coronavirus – für die betroffenen Personen eine Möglichkeit bot, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinbaren, ihren Alltag besser zu organisieren und nicht einen Beitrag zu einem allgemeinen Mobilitätsproblem zu leisten.

So betrachtet, ist das Arbeiten im Homeoffice tendenziell mit einigen Nachteilen (oder Rebound-Effekten) behaftet. Im Jahr 2015 wohnten in der Schweiz die im Homeoffice arbeitenden Personen durchschnittlich 25 Kilometer von den Räumlichkeiten des Arbeitgebers entfernt, andere berufstätige Personen im Vergleich dazu nur 16 Kilometer. Diese Diskrepanz macht deutlich, dass mit der Homeoffice-Option die Akzeptanz für das Langstreckenpendeln steigt und die Bereitschaft für einen berufsbedingten Wohnortwechsel sinkt. Weniger Pendelfahrten bedeuten also nicht zwangsläufig auch eine Verringerung der wöchentlich zurückgelegten Strecke. Das Arbeiten im Homeoffice generiert ausserdem mehr freie Zeit für anderweitig motivierte Reisen und beschränkt sich eher auf bestimmte Tage. Es bringt eine erhöhte Nachfrage nach grösseren Wohnungen mit sich und begünstigt multilokale Lebensstile.

Um den Rebound-Effekten des Arbeitens im Homeoffice entgegenzuwirken, bedarf es einer entsprechenden Raum- und Unternehmensplanung. Zur Entlastung des Transportsystems könnte man in Betracht ziehen, innerhalb eines Tätigkeitsbereichs oder einer Region das Arbeiten im Homeoffice gleichmässiger über die Wochentage oder Tageszeiten zu verteilen. Alternativ zum verbreiteten Arbeiten im Homeoffice kann auch die Schaffung von Coworking-Spaces gefördert werden. Diese Arbeitsform könnte überdies dazu beitragen, Einkaufsstrassen und Ortskerne, die unter den Folgen des Strukturwandels leiden, neu zu beleben.

Aktive Mobilität – die Wiederentdeckung der näheren Umgebung

Der Lockdown führte zu einer Wiederentdeckung der näheren Umgebung, vor allem für Einkäufe und Spaziergänge. Nach seiner Aufhebung wurde ein starker Anstieg der Velo-Verkaufszahlen verzeichnet, der über einen blossen Aufholeffekt nach der vorübergehenden Schliessung der Geschäfte hinausging. Zahlreiche Städte rund um den Globus haben beschlossen, mehr Raum für zu Fuss Gehende und Velofahrende zu schaffen. Diese Massnahmen haben zum Ziel, für räumliche Distanzierung zu sorgen und die Verlagerung auf den motorisierten Individualverkehr zu vermeiden. Denn Letzterer ist verantwortlich für Treibhausgasemissionen, Lärmbelastung, Staus und Luftverschmutzung. Nebenbei bemerkt: Der Lockdown hat uns eine Verminderung von Lärm und Hektik in den Städten beschert.

Das Potenzial für aktive Mobilität ist hoch in einem Land, in dem 60 Prozent der Bewegungen innerhalb eines Umkreises von 5 Kilometern erfolgen. Wenngleich einige Städte sich mit ambitionierten Konzepten hervortun, lässt sich nicht abstreiten, dass die Verkehrsbedingungen für Radfahrende bei Weitem nicht zufriedenstellend sind. Zur Förderung des Velos bedarf es direkter Verbindungen durch gut vernetzte, sichere, komfortable und attraktive Radwege. Dazu muss man an zwei Hebeln ansetzen: Verkehrsaufkommen und -geschwindigkeit sind zu reduzieren (z. B. Einrichtung von Tempo-20- oder Tempo-30-Zonen), und die Verkehrsströme müssen physisch (und nicht einfach durch entsprechende Fahrbahnmarkierungen) getrennt werden. Dies wirft die Frage nach der Umverteilung des öffentlichen Strassenraums zugunsten von Velofahrenden und Fussgängern auf, sowie danach, welcher Stellenwert dem Auto mit seinem hohen Raumverbrauch beizumessen ist.

Öffentliche Verkehrsmittel – in der Vertrauenskrise

Die öffentlichen Verkehrsmittel sind die Verlierer der Krise. Zum ersten Mal wurde dringend von ihrer Nutzung abgeraten. Ihr Nachteil ist, dass die räumliche Distanz zwischen den Nutzenden nur schwer zu gewährleisten ist, insbesondere bei grossem Fahrgastaufkommen.

Diese Abkehr ist problematisch, da die öffentlichen Verkehrsmittel aufgrund ihrer hohen Transportkapazität unverzichtbar und nicht durch den Individualverkehr ersetzbar sind. Dasselbe Phänomen könnte sich auch beim Carsharing und bei Fahrgemeinschaften bemerkbar machen. Dabei gilt eigentlich die Integration dieser verschiedenen Angebote («Mobility as a Service») als Möglichkeit, die Motorisierung der Haushalte zu reduzieren.

Welche Massnahmen stehen hier zur Verfügung? Es gibt Sofortmassnahmen, zum Beispiel die Verwendung von Desinfektionsgel und Maske sowie die entsprechende Ausstattung und häufige Desinfektion von Bahnhöfen und Fahrzeugen. Vorstellbar wäre auch, berufliche Aktivitäten und Hochschullehrveranstaltungen auf Onlinekanälen oder aber auch zeitlich gestaffelt anzubieten, um die öffentlichen Verkehrsmittel während der Stosszeiten zu entlasten. Ausserdem sollte erhoben werden, wie stark sich das Virus in diesen Umgebungen ausbreitet.

Was bedeutet Mobilität?

Der Lockdown hat zu einer Verlangsamung des Lebensrhythmus geführt und die eigene Wohnung wieder ins Zentrum gerückt. Diese Unterbrechung wurde je nach Alter, familiärer Situation, sozialer Schicht usw. ganz unterschiedlich erlebt. Dennoch stellt sich damit die Frage nach der Bedeutung der Mobilität. Warum müssen wir so häufig unterwegs sein und so weite Strecken fahren? Wie können wir einen räumlich und zeitlich eingeschränkteren Lebensstil anstreben? Sind Exotik oder Entdeckungen grundsätzlich an grosse Entfernungen gebunden?

Die neuen Bedingungen erschweren eine intensive, kostengünstige Mobilität. Wir sind mit einer Vielzahl von offenen Fragen konfrontiert, beispielsweise was das finanzielle Überleben von Fluggesellschaften und die Zukunft des Geschäftstourismus angeht. Interessant wird sein zu untersuchen, ob sich die Rückorientierung auf den näheren Umkreis sowohl im Alltag (aktive Mobilität, Einkaufsverhalten) als auch in der Freizeit und in den Ferien (die 2020 oft in der Schweiz verbracht werden) als dauerhafter Trend erweist.

Die 15-Minuten-Stadt – eine Lösung?

Die Antworten auf die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Mobilität liegen nicht nur im Verkehrswesen, sondern vor allem auch in der Raumplanung. Ein vor Kurzem (wieder)aufgegriffenes Konzept wirft zentrale Fragen auf: Die Viertelstundenstadt, für die sich vor allem der Stadtplaner Carlos Moreno starkmacht. Auf welchen Prinzipien beruht dieses Konzept?

In Lebensräumen denken – eine Stadt, ein Quartier, eine Gemeinde – und diese mit aktiven Mobilitätsformen organisieren (die 15 Minuten beziehen sich auf die zu Fuss oder mit dem Velo zurückgelegte Distanz). In diesem Radius alle wichtigen Aspekte des täglichen Lebens abdecken: Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Gesundheit, Kultur und Freizeit. Aufwertung der räumlichen Nähe, aber auch der Dichte (die in den Coronavirus-Debatten häufig zu Unrecht angeprangert wird) sowie der Qualität der öffentlichen Räume und Grünflächen. Das Ziel ist nicht, Ortschaften zu autonomen Einheiten umzubauen; vielmehr geht es darum, die verschiedenen 15-Minuten-Städte miteinander zu vernetzen und eine Ausrichtung auf den nahen Umkreis praktikabel und attraktiv zu gestalten. Diese Überlegungen sind wichtig für den Übergang zu einer CO2-reduzierten Mobilität, die den Herausforderungen des Klimawandels Rechnung trägt.

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.