COVID-19 & Umwelt

Daten statt Worte

Der Lockdown hat Menschen weltweit gezwungen, zu Hause zu bleiben und ihren Konsum und ihre Mobilität massiv zu reduzieren. Mit dem unfreiwilligen Konsum- und Mobilitätsfasten sollte die Ausbreitung des Cornona-Virus verlangsamt werden. Dadurch wurden auch Umweltbelastungen reduziert und als positiver Nebeneffekt haben sich vielerorts die Qualität von Luft und Wasser spürbar verbessert.

Fasten ist heilsam. Rituelles Fasten ist ein fester Bestandteil von vielen Religionen, die positiven Wirkungen auf Körper und Geist sind seit Jahrtausenden bekannt und sind heute durch viele klinische Studien belegt. Wer weniger isst, tut nicht nur etwas für seine Figur, sondern bleibt auch länger jung, stärkt Abwehrkräfte und verbessert sein Wohlbefinden.

Die Macht der Gewohnheiten

Der Erfolg einer Fastenkur hängt bei gesunden Personen vor allem vom Durchhaltewillen ab und nicht von teuren Behandlungen. Trotz der vielen nachweisbaren positiven Effekte und zahlreichen leicht zugänglichen Ratgeberangeboten fällt es den meisten Leuten schwer, ihre guten Vorsätze einzuhalten und systematisch weniger zu essen. Nach der Kur fallen viele sehr bald wieder in alte Verhaltensmuster zurück und nehmen sogar noch schneller zu. Dieser Rebound-Effekt kann auch beobachtet werden, wenn die Verhaltensänderung nicht aus eigenem Antrieb erfolgt, sondern durch einen externen Schock ausgelöst wird, wie zum Beispiel einen Lebensmittelskandal. So wurde nach dem Ausbruch des BSE-Skandals (Rinderwahn) massiv weniger Fleisch gegessen oder nach 9/11 massiv weniger geflogen, doch der Verzicht war jeweils von kurzer Dauer, nach wenigen Jahren wurde wieder mehr Fleisch gegessen und mehr geflogen als je zuvor.

1/1 – © BAFU | Milena Bukel, collectif Marie-Louise

Der Lockdown hat gezeigt, dass ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung auch mit weniger Konsum und Mobilität eigentlich ganz gut leben oder die Lebensqualität sogar steigern kann, trotzdem scheint der Gesinnungswandel nur von kurzer Dauer. Aktuelle Daten der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) zeigen, dass Schweizerinnen und Schweizer nach dem heftigen Einbruch vom Frühling aufgrund der Corona-Krise mittlerweile wieder mehr als vor dem Ausbruch der Pandemie konsumieren und unterwegs sind.[1]

Doch auch wenn es beim Konsumverhalten mit einer hohen «Rückfallquote» zu rechnen ist, wird das Leben neu strukturiert werden, die Angst vor Pandemien wird bleiben und damit viele Sicherheitsmassnahmen und Einschränkungen, die zum Schutz vor Ansteckung getroffen wurden. Zum Beispiel: wer reisen will oder Zutritt zu (halb-)öffentlichen Räumen wird in Zukunft vielleicht zuerst Fieber messen oder einen Gesundheits-Test vorlegen müssen. Auch in Bezug auf die Versorgungssicherheit findet ein Umdenken statt. Das neue Bewusstsein für die Verletzlichkeit der globalen Lieferketten könnte dazu führen, dass nationale und regionale Wertschöpfungsketten gestärkt oder neu aufgebaut werden. Es entsteht eine Art Konsum-Patriotismus, gemäss Umfragen bevorzugen immer mehr Leute eher einheimische Produkte und sind auch bereit, dafür mehr zu zahlen.[2]

Die Macht der Daten

Die Pandemie hat die Sensibilität für unsichtbare Risiken erhöht und auch wie wir damit umgehen. Die Informations- und Kommunikations-Infrastrukturen und Prozesse, die für das Corona- Krisenmanagement weltweit aufgebaut wurden, schaffen neue Standards für die politische Entscheidungsfindung. Zum Vergleich: Die Dynamik im Meinungsmarkt wird sehr viel stärker von der Software-Architektur der Social Media Plattformen bestimmt als von den Meinungen einzelner Influencer.

Das Virus hat jedes Land vor die gleichen Herausforderungen gestellt und damit auch – erstmalig – den Erfolg von unterschiedlichen politischen Massnahmen vergleichbar gemacht. Regierungen, die mit einer soliden Datenbasis, Tests und Tracing arbeiteten, schnitten dabei klar besser ab. Ohne aktuelle Daten und statistisch valide Modelle weiss eine Regierung nicht, wo sie steht und kann nicht adäquat reagieren. Länder, die bessere Daten haben, lernen schneller, welche Massnahmen wirken und welche nicht. Die Corona-Krise hat deutlich gemacht, dass man im Ernstfall mit datengestützten Modellen weiterkommt als mit Expertenmeinungen und populistischen Parolen. Die guten Erfahrungen, die mit datengestützten Entscheidungsinstrumenten gemacht wurden, dürfte dazu führen, dass Wissenschaft und Politik auch für andere Umweltfragen in Zukunft viel enger zusammenarbeiten werden.

Wir können aus der Corona-Krise lernen, wie man Daten und Experimente nutzen und einsetzen kann, um Diskussion zu entpolitisieren und die Menschen zu überzeugen, dass jede Verhaltensänderung zählt.

Die Corona-Krise hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass auf einem «kranken Planeten» kein gesundes Leben möglich ist und viele Menschen und Organisationen in ihren Bemühungen bestärkt, mit vielen unterschiedlichen Massnahmen ihren Co2-Fussabdruck zu reduzieren und ihre Ökobilanz zu verbessern. Kennzeichnungen und Labels haben in gewissen Bereichen mehr Transparenz geschaffen, doch sie sind insgesamt unübersichtlich, kaum vergleichbar und zu wenig umfassend. Die Beurteilung der Nachhaltigkeit bleibt in der Folge dem persönlichen Gusto überlassen, ein einheitlicher, relevanter Massstab fehlt. Entsprechend wirkungslos können diese teils kostspieligen Anstrengungen bleiben und die entsprechenden Erwartungen an Unternehmen und Politik bleiben insgesamt diffus. Viele Daten sind heute vorhanden, eine wachsende Zahl von Produkten kann in Echtzeit rückverfolgt werden und der bewusste Konsument kann direkt überprüfen, woher das Schnitzel auf seinem Teller kommt und unter welchen Bedingungen das Tier gelebt hat. Das beruhigt das Gewissen, bringt einen aber nicht wirklich weiter. Damit mehr Menschen und Institutionen unabhängig entscheiden können, braucht es mehr als einzelne Datenpunkte. Die Daten aus dem ganzen Wertschöpfungsnetz müssen verbunden werden, so dass sie nach einheitlichen Kriterien ausgewertet und verglichen werden können.

Für einen Low-Carbon-Lifestyle brauchen alle Entscheider in Wirtschaft, Politik und auch Endkunden weniger schöne Worte und mehr Daten und Apps mit denen sie die Nachhaltigkeit verschiedener Konsum- und Mobilitätsoptionen so einfach vergleichen können, wie Flugpreise.

 

[1] https://www.nzz.ch/wirtschaft/konsum-in-der-schweiz-starke-erholung-nach-dem-corona-schock-ld.1567427

[2] https://observatoirecetelem.com/les-zooms/enquete-3-3-deconfines-pour-quelles-perspectives/

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.