COVID-19 & Umwelt

Biodiversität nach dem Bottom-up-Prinzip

«Die Welt hat es nicht geschafft, den steilen Abstieg der Natur zu stoppen. Die Welt muss rasch handeln, um die Katastrophe abzuwenden.»

Diese jüngsten Schlagzeilen waren entmutigend – aber auch irreführend. Hochrangige Konferenzen und internationale Gipfeltreffen haben sich effektiv als nicht perfektes Modell für den Wandel erwiesen – in der Praxis jedoch zeichnen Millionen erfolgreicher Projekte ein ganz anderes Bild. Ob durch Beziehungen zwischen Schulen und Bauernbetrieben in Frankreich, die Revitalisierung von Flüssen in Mexiko oder die Renaturierung von Grünland in Patagonien – wir lernen, wie wir punkto Biodiversität erfolgreich sein können.

Camps zur ökologischen Renaturierung (Ecological Restoration Camps) sind ein nennenswertes Beispiel. Über 26 000 Menschen haben sich dieser neuen Bewegung angeschlossen, die sich für eine grossangelegte Renaturierung des Ökosystems auf Landschaftsebene engagiert. In temporären Unterkünften lernen Camper und Camperinnen – Profis wie Amateure –, wie sie Ökosysteme renaturieren, den Wasserkreislauf wiederherstellen und die natürliche Bodenfruchtbarkeit verbessern können. Diese und andere direkte Massnahmen steigern die Biodiversität. Der chinesisch-amerikanische (Filmemacher und) Ökologe John D. Liu hat die Bewegung 2017 gegründet. Seither wurden Camps in Mexiko, Bolivien, den USA, Thailand, Südafrika, Portugal, Frankreich, Ägypten und Brasilien errichtet.

Mittlerweile setzen in Irland auf dem «Lerngelände» der Bioregion The Burren fünfzehn lokale Gemeinschaften Biodiversitätsaktionspläne um. Dabei werden verschiedene Wege aufgezeigt, um die Biodiversität zu steigern: Gemeinschaftsobstplantagen und Bodeninstandsetzungen für Bestäuber sowie das Pflanzen von Bäumen und Hecken. Zu den Mentoren in diesem Projekt gehören ein Coach für Übergangsriten, ein Fährtenleser für Wildtierspuren und der Gründer einer Naturküche[1].

Aber viel mehr Menschen sind näher an ihrem Wohnort aktiv, nämlich in Städten.

[1] https://mailchi.mp/8a705ec92aee/burrenbeo-march-snapshot-1993005?e=277f907baa 

1/1 – © BAFU | Pierre Dubois, collectif Marie-Louise

In Civic-Ecology-Bewegungen engagieren sich Millionen von Bürgerinnen und Bürgern beim Bäumepflanzen, in der Wiederherstellung von Wassereinzugsgebieten, in der nachhaltigen Stadtentwässerung, bei der Revitalisierung von Flüssen, für die Schaffung von blaugrünen Korridoren, beim Abfalleinsammeln und beim Schaffen bestäuberfreundlicher Habitate. Diese Begeisterung hat die Gemeinden dazu veranlasst, ihre Pläne auszudehnen. Friedhöfe, Fliessgewässer und Alleen gelten als Stätten möglicher Biodiversität, ebenso begrünte Strassenränder, Dächer und Fassaden. Sportplätze, unbebaute Grundstücke, stillgelegte Industriestandorte, leere Einkaufszentren und Deponien werden auf ihr Biodiversitätspotenzial geprüft. Flughäfen, die nicht mehr in Betrieb sind, kommen neuerdings auch für eine Renaturierung infrage. (Bald ebenso die dank der Coronakrise nicht mehr genutzten Flugzeuge, die reihenweise auf diesen Flugplätzen geparkt sind.)

Eine weitere positive Folge der Coronakrise: Viele Städte verwandeln wenig genutzte Parkplätze und Zufahrtsstrassen in kleine Pärke. Im amerikanischen Allegheny County rund um Pittsburgh werden 45 000 unbebaute Grundstücke eins nach dem anderen wieder zum Leben erweckt. Die Arbeit wird von Bürgerinnen und Bürgern ausgeführt, die Rolle der Stadt besteht darin, eine interaktive Karte bereitzustellen, welche Gemeinschaftsorganisationen und Ansässigen unbebaute Grundstücke mit Renaturierungspotenzial aufzeigt[1].

Einige Standorte für die biologische Aufwertung sind sehr klein. Das Bewusstsein, dass Mikroben in gesunden Ökosystemen eine Schlüsselrolle spielen, auch in Städten, hat die Mikrobiodiversität in den Fokus gerückt. Im New-Yorker Urban Barcode Project nutzen Highschool-Schülerinnen und -Schüler die DNA-Technologie, um Biodiversität in Pärken, Gärten, Büroräumen und Schulen zu erheben. Sie suchen nach invasiven Pflanzen- und Tierarten, überwachen Krankheitsvektoren, identifizieren exotische oder gefährdete Lebensmittel auf Märkten und decken falsche Etikettierungen von Nahrungsmitteln auf[2].

Weitere Innovationen steigern die Biodiversität auf bioregionaler Ebene, in neuen Stadt-Land-Beziehungen. Soziale Landwirtschaft und Green Care ermöglichen es beispielsweise Stadtmenschen, sich aktiv an Projekten in Wassereinzugsgebieten und an agrarökologischen Projekten zu beteiligen. Es werden immer mehr Food Hubs geschaffen, die kollaboratives Lernen und einen Wissensaustausch innerhalb regionaler Ernährungswirtschaften erlauben. Vernetzte Modelle wie Fibersheds und Grainsheds verbinden ebenfalls verschiedene Akteure bei Tätigkeiten, die die Biodiversität verbessern.

In diesen zahlreichen Experimenten beschränkt sich die Biodiversität nicht auf Nationalpärke und Wildreservate – ganz im Gegenteil: Europaweite Studien bestätigen, dass es in einigen Städten mehr Biodiversität gibt als in Schutzgebieten ausserhalb der Stadt[3]. Der Reichtum der urbanen Biodiversität auf Terrains, die bisher als nutzlose Brachflächen galten, wird auf immer mehr Plattformen dokumentiert. So enthält der Urban Nature Atlas etwa mehr als 1000 Beispiele naturbasierter Lösungen aus 100 europäischen Städten[4]. Auf einer anderen Plattform, The Nature of Cities, tauschen 750 Fachpersonen aus 100 Ländern Berichte über Fallstudien aus[5].

Vom Kleinen zum Grossen

Diese umfangreiche Tätigkeit, die sozusagen unter dem Radar erfolgt, ist wunderbar. Allerdings stellt sich doch eine Frage: Reichen kleine lokale Initiativen – im Verband oder auch sonst – wirklich aus, um die Biodiversität weltweit wiederherzustellen?

Eine Antwort lautet: Das kann man ausrechnen. In den Vereinigten Staaten sind in der Renaturierung der Umwelt auf lokaler und Gemeindeebene mehr Menschen tätig als im Kohlebergbau, in der Holzwirtschaft oder in den Stahlwerken[6].

Die grosse Zahl und die Vielfalt der Initiativen, die momentan entstehen, liefert die zweite Antwort auf die Frage. Die Renaturierung von Wassereinzugsgebieten erfordert beispielsweise, dass für die Ausführung von Projekten nur lokale Ressourcen eingesetzt werden. Nur sehr wenig Geld, das für die Renaturierung verwendet wird, verlässt die Region. Das bedeutet, dass der wirtschaftliche Nutzen direkt vor Ort spürbar ist[7].

Die dritte Antwort besagt, dass ökologische Renaturierungsmassnahmen zwangsläufig auf spezifischen lokalen Bedürfnissen basieren müssen, wenn sie greifen sollen. Jedes soziale und ökologische Umfeld ist einzigartig. Es gibt keinen einheitlichen Biodiversitätsbauplan für den gesamten Planeten.

Die vierte Antwort lautet, dass ein weitreichender Wandel effektiv bereits stattfindet, wenn sich kleine Institutionen clever zusammentun. Ein gutes Beispiel dafür ist die Vernetzung von Schulen und Landwirtschaftsbetrieben. In Europa gibt es eine Bewegung für Biokantinen. Immer mehr lokale Landwirte beliefern Schulen direkt mit Bioprodukten. Die belgische Umweltpädagogin Ans Rossy hat bewiesen, dass diese Vernetzung von Schulen und Bauernbetrieben nicht nur für Schüler und Schülerinnen sowie für Landwirtinnen und Landwirte, sondern auch für die Biodiversität ein Gamechanger sein kann[8].

In Belgien stellt der Ceinture Aliment-Terre Liégoise (CATL, der Lütticher Food Belt) ein weiteres Beispiel einer vernetzten institutionellen Innovation dar. CATL koordiniert 21 Genossenschaften bei der Belieferung von Schulen mit Mahlzeiten. In Schweden werden vom Kindergarten bis zur Oberstufe täglich rund 2,5 Millionen Mahlzeiten serviert. Dort wurden Schulen und Nahrungsmittel von der schwedischen Regierungsbehörde für Innovation, Vinnova, als prioritäre «Mission» definiert.

Relationale Ökologie

Die Chance der Politik besteht darin, Möglichkeiten zu finden, um diese schnell wachsenden, aber fragmentierten Tätigkeiten miteinander zu verknüpfen.

Zwei junge französische Forscher, Damien Deville und Pierre Spielewoy, haben das Konzept der relationalen Ökologie eingeführt. Dabei wird die Verbindung von Punkten zwischen den Projekten vor Ort beschrieben. Sie argumentieren, dass Regierungen Beziehungen zwischen Orten, Gemeinschaften und der Natur pflegen sollen, statt Zeit und «Airmiles» in eine Teilnahme an globalen Gipfeltreffen zu investieren. Wie der deutsche Biologe Andreas Weber betont, funktioniert auch die Natur so: Die ökologische Praxis besteht im Schmieden von Beziehungen.

Relationale Ökologie bedeutet in der Praxis, sich auf neue Lernarten mit neuen Menschen und an neuen Orten einzulassen. Damit diese Beziehungen Früchte tragen, braucht es eine neue Art von Infrastruktur: eine soziale Infrastruktur in Form von Menschen, Fähigkeiten und Zeit.

Es ist mindestens ebenso wichtig, dem Prozess, der ein Zusammenarbeiten von Gruppen ermöglicht, Aufmerksamkeit zu schenken, wie zu entscheiden, was gemacht werden soll. Da wir die Art, wie wir unsere Ökosysteme bewohnen und wiederherstellen, verändern, müssen viele verschiedene Akteure und Stakeholder zusammenarbeiten – häufig zum ersten Mal. Die Erkundung der sozialen und biologischen Werte kann viele Kompetenzen und Fähigkeiten erfordern: die Geländekenntnisse des Geografen, die Erfahrung der Biologin mit Lebensräumen, das Know-how des Ökologen in Bezug auf Ökosysteme. Die Fähigkeit der Ökonomin, Flüsse und das Versickern von Geld und Ressourcen zu messen, gehört ebenfalls dazu.

Neue soziale Geschäftsmodelle treten bereits auf den Plan und können zum Innovationsmix beitragen: Sharing und Peer-to-Peer, Mobility as a Service, Civic Ecology, Foodsheds und Fibersheds, Transition Towns, Bioregionen, Versorgungswirtschaft. Insbesondere Plattformzusammenarbeiten (Platform Co-operatives) preisen sich als wirksame Möglichkeiten an, die Erbringung von Dienstleistungen gemeinsam anzugehen. Dabei kommt der Wert gerechterweise den Menschen zugute, die diese Dienstleistungen wertvoll machen.

Die relationale Ökologie fängt an, in der lokalen Politik Spuren zu hinterlassen, insbesondere in Frankreich. In einer grünen Welle bei den diesjährigen Wahlen unterstützten Hunderte erfolgreicher Kandidatinnen und Kandidaten den Aufruf, «unsere Beziehungen zwischen Mensch und Raum zu überdenken, … die Politik auf der Basis ökologischer Beziehungen neu zu erfinden … und solidarische Beziehungen über die westliche Welt, das Menschliche, das Sichtbare hinaus zu schaffen»[9].

Im Taoismus wird der Wohlstand einer Gesellschaft an der Anzahl verschiedener Arten, die sie beherbergt, gemessen. «Wenn alles im Universum sich gut entwickelt, ist eine Gesellschaft eine Wohlstandsgemeinschaft»[10]. Wenn die Biodiversität in den Mittelpunkt gerückt wird, verleiht dies dem Konzept des Wachstums eine willkommene neue Bedeutung. Eine Zunahme der Biodiversität bedeutet wahrnehmbare Verbesserungen des Gesundheitszustands und der Tragfähigkeit des Bodens sowie die Resilienz von Gemeinschaften – und entspricht nicht einem messbaren Erfolg bei abstrakten Mitteln wie Geld oder BIP. Die gute Nachricht: Ausserhalb des herkömmlichen Bereichs der Schutzzonen und der ländlichen Gebiete schlagen wir uns besser als erwartet. Biodiversität nach dem Bottom-up-Prinzip eröffnet politischen Entscheidungsträgern und -trägerinnen unzählige Möglichkeiten.


[1] http://www.lotstolove.org/

[2] http://www.dnabarcoding101.org/programs/ubp/

[3] https://reporterre.net/Les-friches-urbaines-sont-d-etonnants-reservoirsde-biodiversite

[4] https://naturvation.eu/atlas

[5] https://www.thenatureofcities.com/

[6] https://www.eqrllc.com/post/theripple-effect-the-economic-benefits-of-ecological-restoration

[7] https://www.eqrllc.com/post/the-ripple-effect-the-economicbenefits-of-ecological-restoration

[8] https://www.opendemocracy.net/en/oureconomy/what-happens-if-you-treat-healthyschool-meals-public-service/

[9] https://www.politis.fr/articles/2020/02/elections-municipales-construire-unepolitique-de-la-rencontre-41398/

[10] https://www.interfaithsustain.com/religion-and-ecology-articles/

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.