COVID-19 & Umwelt

Vorhersagen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen, in Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter andern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen. Christa Wolf, Kassandra.

Der Wunsch die Zukunft vorhersagen zu können, begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Unterschiedlichste Methoden, von Tierknochen bis zu Hochleistungsrechnern, sind zum Einsatz gekommen, aber der Erfolg blieb meistens aus. Nur wenn ein gutes mathematisches Modell zur Verfügung steht, dürfen wir etwas zuversichtlicher sein. So können wir mit der Newtonschen Mechanik den nächsten Sonnenaufgang sehr präzise vorhersagen. Auch das morgige Wetter lässt ich einigermassen genau berechnen.

Die Epidemiolog*innen setzen Modelle ein, um die Verbreitung einer Krankheit vorherzusagen. Der wichtigste Parameter dabei ist die Reproduktionszahl, die häufig mit R0 bezeichnet wird. Diese Zahl gibt an, wie viele Menschen im Durchschnitt von einer infizierten Person angesteckt werden. Ist sie grösser als eins, wird sich die Krankheit exponentiell ausbreiten, bis sich hinreichend viele Menschen infiziert haben. Die Reproduktionszahl bestimmt so nicht nur die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Krankheit, sondern legt auch den für Herdenimmunität erforderlichen Immunitätsgrad fest.

Können wir denn die Anzahl Erkrankungen und Todesfälle der Coronapandemie vorhersagen? Nein, da die Reproduktionszahl von vielen unbekannten Faktoren abhängt, die mit dem Verhalten der Menschen zu tun haben. Mit Social Distancing wurde versucht, die Anzahl Kontakte zwischen Menschen zu verringern, was zu einer Reduktion der Reproduktionszahl führte. So konnte wenigstens eine komplette Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden. Wie lange wir mit dem Virus leben müssen und wie viele Menschen dabei sterben werden, ist aber nicht wirklich vorhersagbar.

1/1 – © BAFU | Giancarlo Mino, collectif Marie-Louise

Eine alte Weisheit lautet, dass alle Modelle falsch sind aber einige trotzdem sehr nützlich. Im Falle von COVID-19 waren einfache Modelle ausreichend, um die Politik von der Notwendigkeit des schnellen Handelns zu überzeugen. Die Botschaft war deutlich: Entweder handeln wir jetzt oder die Situation gerät ausser Kontrolle. Die meisten Regierungen der Welt haben sich daraufhin für drastische Massnahmen entschieden.

Seit über 40 Jahren sagen Klimamodelle eine signifikante Erwärmung der Erde aufgrund menschengemachter Treibhausgasemissionen voraus. Unterschiedliche Modelle kommen zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen, aber die Kernaussage ist stets die gleiche: Je höher die Kohlendioxidkonzentration, desto höher die Temperatur. Der Effekt ist heute nicht nur messbar, sondern offensichtlich. Es gibt einen Grund wieso die Winter in Zürich inzwischen schneefrei sind aber man dafür in Schweden lokalproduzierten Wein kaufen kann.

Im Unterschied zu COVID-19 stellt die Klimaerwärmung eine ernsthafte Bedrohung der menschlichen Zivilisation dar. Es ist deshalb erstaunlich, dass die Warnungen immer noch grösstenteils ungehört bleiben. Ein Grund dafür ist, dass die Klimawissenschaftler*innen mit ihren immer besseren Modellen in eine argumentative Falle getappt sind. Solange wir glauben, die Auswirkungen der Klimaerwärmung vorhersagen zu können, gibt es keinen Grund zur Panik. Wir könnten sogar versucht sein, eine optimale Klimastrategie zu definieren, indem wir die erforderlichen Investitionen in Klimaschutz den prognostizierten wirtschaftlichen Schäden der Klimaerwärmung gegenüberstellen. Das Problem ist nur, dass beide diese Grössen unbekannt sind. Interessanterweise scheinen gerade die Menschen, die der Klimaforschung skeptisch gegenüberstehen, von eher geringen Schäden auszugehen. Worauf Sie diese Annahme basieren, ist ein Rätsel.

Die Klimamodelle erlauben uns, den mittleren Temperaturanstieg der Erde einigermassen genau zu berechnen. Sie scheitern aber schon beim Schmelzen der Polarkappen, obwohl es sich hier um einen einfachen physikalischen Prozess handelt. Die Erde taut leider viel schneller auf als erwartet, was auch in Grönland, Alaska und Sibirien zu beobachten ist. Ein noch grösseres Problem ist, dass die meisten Opfer der Klimaerwärmung nicht an Überhitzung sterben oder im steigenden Meer ertrinken werden, sondern eher durch Durst, Hunger, Seuchen und Krieg zugrunde gehen werden. Die Reiter der Apokalypse lassen grüssen, und sie sind bekanntlich nicht berechenbar.

Die Coronapandemie sollte uns wieder in Erinnerung rufen, wie wenig wir über die Zukunft wissen. Offensichtlich ist es unmöglich, einen globalen wirtschaftlichen Lockdown sechs Monate im Voraus vorherzusagen, genauso wie den nächsten Börsencrash oder den nächsten Krieg. In der Vergangenheit haben sich die Bauern, Jäger und Fischer auf Erfahrungen verlassen, um richtige Entscheide zu treffen. Leider hat uns die Klimaerwärmung dieser letzten Möglichkeit der Zukunftsvorhersage beraubt. Hitzewellen und Überschwemmung werden häufiger, tropische Krankheiten drängen weiter nach Norden vor, die Insekten sterben aus und der auftauende Permafrost setzt alte Bakterien frei. Nicht das Vorhersagbare sollte uns Sorgen machen, sondern das was wir nicht wissen.

Die Modelle der Epidemiolog*innen und Klimaforscher*innen können uns rechtzeitig vor drohenden Gefahren warnen. Die Entscheidung, was wir mit dieser Information machen, ist politisch. Dafür scheint es eine einfache Faustregel zu geben: Wenn die Auswirkungen eines falschen Entscheides in der laufenden Legislaturperiode zu erwarten sind, wird gehandelt. Dies war bei COVID-19 der Fall. Wenn die Betroffenen zu jung sind, um wirklich politische Macht zu haben, wird das Problem vertagt.

Unser Umgang mit der Klimakrise ist zynisch und zutiefst unmoralisch. Statt den von uns angefachten Flächenbrand zu löschen, lassen wir ihn sich weiter ausbreiten. Mit dem Argument, dass die Auswirkungen vielleicht nicht katastrophal sein werden und es möglicherweise einen technologischen Durchbruch geben könnte, stellen wir unsere Kinder vor Herausforderungen, die wir selbst nicht meistern könnten. Ob sie es überleben werden, wissen wir nicht. Und genau das ist das Problem.

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.