COVID-19 & Umwelt

Auf der Suche nach ruhigen, nahen Zufluchtsorten während dem Corona Lockdown

«Climb the mountains and get their good tidings. Nature’s peace will flow into you as sunshine flows into the trees. The winds blow their freshness into you and the storms their energy, while cares drop off like autumn leaves.» John Muir 1898

Ruhe als Corona-Erfahrung

Unseren Hörsinn setzen wir in der alltäglichen Bedeutung eher hinter den Sehsinn zurück. Wir orientieren uns visuell, lenken unsere Blicke, während wir unsere Ohren unbeweglich an unserem Kopf wähnen, welche alles Hörbare passiv aufnehmen. Die Eigenart des Hörens folgt der zeitlichen Flüchtigkeit des Klangereignisses. Oft hören wir Dinge, die wir noch gar nicht sehen, eine ferne Kirchturmglocke etwa oder das Aufheulen des Schiffshorns. Der Hörsinn ist ein authentischer Raumsinn, ihm entgeht nichts, zuweilen schreckt er uns auf und versetzt uns in Un-Ruhe. Bezeichnenderweise leitet sich das Wort "Lärm" vom italienischen "all'arme" – zu den Waffen! – ab und tatsächlich empfinden viele von uns die wachsende Beschallung des Aussenraumes als Angriff auf unser Ruhebedürfnis. Eine Kultivierung der akustischen Wahrnehmung, so der Philosoph Peter Sloterdijk, täte not. Doch wie soll das geschehen?

Es war um Ostern 2020. Trotz der bundesrätlichen Empfehlung zuhause zu bleiben, zog das schöne Frühlingswetter viele Menschen nach draussen. Stadtpärke, Stadtwälder, auch bekannte Ausflugsorte wurden in hoher Zahl aufgesucht und mussten manchmal sogar abgesperrt werden, da vielerorts in den Grünanlagen und den Naherholungsgebieten ein Social Distancing nicht möglich war. Tagebucheinträge aus dieser Anfangszeit der Coronakrise drehten sich immer wieder um die plötzliche, unerwartete Ruhe in der Natur. Kein Flugzeug am Himmel, kein Motorboot auf dem See, verwaiste Bahnlinien und eine Stadt in fast verträumter Abgeschiedenheit. "Ruhe" oder "Stille" beschreiben nur schlecht diese neue akustische Erfahrung. 

1/1 – © BAFU | Adrien Quan, collectif Marie-Louise

Der stadtnahe Wald wurde nun nicht einfach zum klanglosen Raum, im Gegenteil! Das ostentative Hintergrundrauschen des Verkehrs war gedämpft, dafür das Hören und Erleben unterschiedlichster Klanghorizonte möglich. Das Rascheln der Eidechsen unter den Blättern erfüllt vielleicht einen Raum von 2 Kubikmetern, während der Schrei des Schwarzspechts aus 50 Meter Entfernung noch zu hören ist. Es schien, als bewege man sich klanglich in mehreren Sphären. Peter Streiff, Klangspezialist und Komponist beschreibt sein Interesse an der Klangumwelt wie folgt: "Interessant ist für mich die Frage, wie die Umwelt klingen kann, wenn die Klänge unter sich und die Klänge im Verhältnis zum Raumcharakter in einem Gleichgewicht stehen. Wieso klingt es an einem bestimmten Ort ausgeglichen und an einem anderen Ort nicht? (...) Stille ist für mich keine messbare Grösse, sondern eine Haltung».

Nach dieser Frühlingserfahrung im Lockdown 2020 tauchte das Gefühl auf, dass in der nächsten Wohnumgebung ruhige Orte rar waren. Jeder von ihnen, schien schon besetzt zu sein. Dann wurde die Flucht in die Berge Tatsache. Massenweise pilgerten Erholungssuchende zu den bekannten touristischen Highlights, wie Bergseen, Schluchten, Wasserfälle. War die Kapazität des Mittellands für naturnahe Erholungsgebiete bereits erschöpft?

Eine "Tranquillity map" der ruhigen Naherholungsgebiete des Mittellandes

Die Idee der "Tranquillity Map des Schweizer Mittellandes" auf der Basis englischer Vorlagen war geboren. Ihr Ziel ist die Identifikation und der Schutz derjenigen Landschaftsqualitäten, die ein Gefühl von Ruhe ermöglichen. Mit umfangreichen Bevölkerungsumfragen wurden die Kriterien für die Identifikation der Ruhegebiete eruiert: Hierzu gehört die Abwesenheit von visuellen und akustischen Lärmquellen wie Strassen, Flugplätze, Zuglinien, Siedlungsgebiete oder Schiessplätze. Es geht aber auch um positive Klangumwelten wie Wälder, Gewässer oder naturnahe unzerschnittene und unzersiedelte Landschaften. Damit bekommt die Landschaft die Qualität eines Auditoriums, und die Ruhe kann als Qualitätsmerkmal in die Landschaftsplanung integriert werden. Wichtiges Ergebnis: Es gibt nebst der akustischen auch die visuelle Ruhe in der Landschaft. Unruhe geht eben auch vom blossen Bild von Siedlungen, Strassen, Kraftwerken aus. In den Landschaftsplanungen der Kantone und Gemeinden sollte daher die Ruhe bei der Frage von Siedlungsentwicklung und Infrastrukturausbauten wie auch bei der Lenkung des Tourismus verstärkt berücksichtigt werden. Tranquillity beinhaltet über das Wort Ruhe hinaus auch die Erfahrung der Stille, Ausgeglichenheit, Gelassenheit, Friedlichkeit, Beschaulichkeit. Etwas dürftig zeigt sich hier das Schweizer Umweltrecht, welches die Klangumwelt einzig auf eine Lärmschutzfrage reduziert. Kann das Mittelland also, wo sich rund 2/3 der Schweizer Bevölkerung in dem Städtenetz zwischen Genf und St. Margarethen drängen, auch ruhige Naherholungsgebiete im visuellen wie auch akustischen Sinne der englischen "Tranquil Areas" bieten?

Um die Hotspots im Voralpen- und Alpenraum zu entlasten und Naherholung auch in guter Erreichbarkeit durch ÖV, mit Velo und zu Fuss zu ermöglichen, müssen wir das Mittelland erholungsmässig auf "Herz und Nieren" prüfen. Das Image des Mittellandes ist geprägt von Agglomeration, Verkehrsachsen, Zersiedlung und ausgeräumten Landschaften. Es ist assoziiert als das "Land, das es satt hat nur Umgebung zu sein", wie es der Niederbipper Schriftsteller Gerhard Meier nannte. Im Mittelland beträgt der Anteil der national geschützten Landschaften und Naturdenkmäler sowie Moorlandschaften gerade mal 9,5% der Gesamtfläche. Gibt es also überhaupt noch ruhige, naturgeprägte, kaum von Strassen und Siedlungen belastete Räume? Und wie können diese Klangqualitäten "sichtbar" gemacht werden?

Die in Zusammenarbeit von SL und des Lehrstuhls PLUS der ETHZ im Mai bis Juli 2020 erarbeitete "Tranquillity Map des Schweizer Mittellandes" erfasst gemäss der erwähnten englischen Kriterien insgesamt 53 Ruhegebiete mit einer Mindestgrösse von 5 km2. Die Karte[1] zeigt auf, dass es im Mittelland in der Nähe der grossen Siedlungen noch viele grössere na­turnahe, wenig lärmbelastete Gebiete gibt, die sich für die ruhige Erholung eignen. Schon die Orts- und Flurnamen deuten auf solche Abgelegenheit hin: Les Grands Bois, Hintermoos, Finstersee, Waldhausen, Wildensbuch, Vogelsang, Himmelrich, Wolfsbüel. Spitzenreiter mit 14 Ruhegebieten ist der Kanton Bern, was den hohen Kontrast zwischen Berns ländlichen Gebieten und der Hauptstadtregion belegt. Praktisch alle Ruhegebiete sind mit dem ÖV gut erschlossen. Nur zwei der 53 Gebiete liegen in geschützten Moorlandschaften und 16 in BLN-Gebieten. Zwei Drittel der Ruhegebiete im Mittelland liegen demnach ausserhalb der nationalen Schutzgebiete. Für sie tragen die Planungsregionen und Gemeinden eine grosse Verantwortung.

Die betroffenen Gemeinwesen von ruhigen Naherholungsgebieten haben mit der Karte die Möglichkeit, kontemplative, sanfte, nicht-motorisierte Erholung im Mittelland zu fördern, das ÖV-An­gebot gezielt zu stärken (z. B. Rufbusse) und planerisch die Gebiete, sofern nicht schon unter Schutz, stärker vor Störungen zu bewahren. Dies betrifft selbstverständlich auch uns Erholungssuchende selbst.

[1] https://www.research-collection.ethz.ch/handle/20.500.11850/430857

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.