COVID-19 & Umwelt

Neubeginn

Im März 2020 tauchte in der still gewordenen Stadt auf Telegram der Thread Neubeginn auf. In unseren Wohnungen regte und rührte sich etwas – in jener verlangsamten Zeit, an jenem endlos langen Sonntag: der sehnliche Wunsch nämlich, dass durch diesen Stillstand alle Zähler auf null gesetzt werden. Weil ja alles stillstand. Weil nun das, was nicht zu stoppen war – obwohl die Gletscher schmelzen, obwohl die Ozeane im Plastik ersticken, obwohl wir die Luft in den Städten nicht mehr atmen können – plötzlich stehen blieb. Wegen eines Virus.

Mit einem Mal gab es Hoffnung auf einen Neubeginn. Auf ein «Nie wieder!»
Und so entstand aus dem Schwirren und Summen der unsichtbaren Netze, aus den Nachrichten und den Chats der Aufruf vom 4. Mai.

1/1 – © BAFU | Morgane Ischer, collectif Marie-Louise

Für einen menschlicheren, lokalen und nachhaltigen Neubeginn.  
Mit 60 000 Unterschriften von Menschen aus allen Lebensbereichen und allen Berufen.  
Ein frischer Wind war spürbar,  
ein gemeinsamer Enthusiasmus, 
eine Bresche, die sich auftat. 

Wir dachten, dass die Tür zur Zukunft mit einem Brecheisen geöffnet und mit einem Keil fixiert werden musste, damit sie auch wirklich offen bleibt. Denn es gab Menschen, viele Menschen, die feststellten, dass etwas nicht rund lief. Dass wir zu viel einfach hatten schleifen lassen: Unternehmen, die den Standort ins Ausland verlegen, Rindfleisch, das aus Argentinien importiert wird, Pestizide, die Bienen töten. Der Aufruf sollte vor allem ein Weckruf sein.  

Längst haben andere uns gewarnt, aber wir verschliessen die Ohren. Wer warnt, wird gebüsst, landet vor Gericht oder im Gefängnis. Denn seit Langem werden Überbringer schlechter Nachrichten bestraft, damit wir ungestört weitermachen können. 
Doch nun dachten wir, dass dieser Aufruf, die schwirrende Energie und der frische Enthusiasmus unsere Parlamentarierinnen und Parlamentarier in den nächsten Abstimmungen wie ein staatsbürgerlicher Kompass leiten würden – dass der Klimawandel endlich Vorrang bekäme. 
Doch einen Aufruf zu unterschreiben, kostet ja nichts.  

Wenn er unterschrieben ist, steckt man ihn in eine Schublade und beschäftigt sich mit anderen Dingen. 
Also sind einige von uns, jede und jeder für sich allein, auf die Strasse gegangen. Wir haben Kreidequadrate gezeichnet und uns hineingestellt – still und friedlich, unter Einhaltung der Abstandsregeln, um nochmals zu signalisieren, dass Gefahr im Verzug ist.  
In Genf hat die Polizei jeden Tag Personen kontrolliert, sie eingeschüchtert und ihnen Geldstrafen auferlegt. 750 Franken für eine Kreidezeichnung: Kein Zurück zur sogenannten Normalität. 
Das alles wirft natürlich Fragen auf. 

Wir versuchen, nicht naiv zu sein, anderen keinen Anlass zur Behauptung zu geben, dass wir zur Ära der Ochsenkarren und zu handgestrickten Pullover zurückkehren wollten. Und doch: Haben wir denn überhaupt nichts gelernt? Wollen wir gar nichts lernen? Wollen wir den gigantischen Verkehr? Flugzeuge, die im Fünfminutentakt abheben? Die Ausbeutung des Bodens? Garnelen, die in Frankreich gefangen, in Thailand geschält und wieder in Frankreich verkauft werden? Das Aussterben von 50 Prozent der Tiere und Pflanzen?  
Wollen wir das wirklich? 
Noch schnell in den Urlaub fliegen, obwohl die Welt brennt? 
Noch schnell ein neues Smartphone kaufen, obwohl die Böden leer und ausgelaugt sind? 
Noch schnell Essen liefern lassen, obwohl es keine sicheren Arbeitsplätze mehr gibt?  

Trotz allem träumen wir weiter. Wie wäre es denn, wenn wir die Lektionen von COVID wirklich ernst nehmen würden? 
Autofreie Städte, 
saisonale, lokal produzierte Lebensmittel, 
weniger und besser arbeiten, 
mit einem Grundeinkommen?  
Wenn die Menschen sich etwas weniger als Nabel der Welt fühlen würden? 
Wenn wir begreifen würden, dass unsere Ressourcen nicht unbegrenzt sind? 
Wenn wir Gemeingüter wie Gemeinschaftsgärten und generationenübergreifende Hilfe erfinden würden? 
Wenn wir in Konzepten wie Nachhaltigkeit, Recycling und Miteinander denken würden?  
Wäre das so schlimm? 
Würde das zu streng nach Jutebeutel riechen? 

Genau hier liegt der wunde Punkt: Umweltbewusstsein ist allen Versuchen zum Trotz nicht Fun, nicht sexy, nicht rockig.  
Wir haben aber keine Wahl.  
Wenn wir überleben wollen, müssen wir das Ruder herumreissen. Das gilt nicht nur für Fahrradfahrende und Freunde bedrohter Tierarten, sondern für alle. Das ist die Lektion von COVID, und das sagen uns alle schrillenden Alarmglocken. 
Paradigmenwechsel; 
Systemwechsel; 
ein neues Narrativ. 

Wir Bürgerinnen und Bürger kämpfen nach dem Aufruf vom 4. Mai, nach 4 m2, weiter. Wir werden uns weiterhin versammeln. Wir geben nicht auf. Und wir werden die Öffentlichkeit und die Politik immer wieder aufrütteln. Bis der Klimanotstand zur Sache aller wird.  
 

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.