COVID-19 & Umwelt

Bietet die Corona-Krise die Chance für eine Neuerfindung des Konsums?

Und plötzlich ist das Undenkbare da. Die meisten Läden sind geschlossen, viele Menschen gehen oder dürfen nicht mehr ins Büro, holen ihr Mittagessen nicht mehr im Take Away und meiden Restaurants. Auch wir von Palette – Unverpackt Einkaufen sitzen vor den Bildschirmen und diskutieren via Videokonferenz – sollen wir weiterhin geöffnet haben oder schliessen wir den Laden? Was ist, wenn wir geöffnet haben, aber niemand kommt? Schaffen wir das finanziell? Die Aufbauarbeit der letzten drei Jahre war plötzlich durch Viren bedroht.

Glücklicherweise sind wir als Genossenschaft organisiert, welcher auch die Vermieterin des Ladengeschäfts angehört. Bereits in den ersten Tagen des Lockdowns wurde uns ein Mieterlass in Aussicht gestellt. Unsere Kund*innen erkundigten sich, wie sie uns unterstützen können. Dies bestärkte uns in unserem Vorhaben, den Laden weiterhin geöffnet zu haben. Zudem wollten wir während dieser Zeit unseren Produzent*innen eine Absatzmöglichkeit bieten und vielleicht einfach uns und unseren Kund*innen ein Stück «Normalität» anbieten.

Heute hat sich für uns die Lage beinahe vollständig normalisiert. Geblieben ist die Personenbeschränkung im Laden und die Gewissheit, dass eine Rückkehr zur alten Normalität weder zu erwarten noch wünschenswert ist, wenn wir in einer ökologischeren und sozialeren Gesellschaft leben wollen.

1/1 – © BAFU | Anais Bloch, collectif Marie-Louise

Nachhaltiger Konsum ist mehr als eine Konsument*innenentscheidung

Während des Lockdowns mussten wir aufgrund von Hamsterkäufen und Unterbrechungen der Handelsströme unsere Ernährungs-, Kauf- und Kochgewohnheiten anpassen, wobei auf einmal der Vorteil kurzer Handelswege und regional hergestellter Produkte noch deutlicher wurde. So erlebten u.a. Hofläden einen richtigen Boom. Trendforscher*innen deuten dies als ein Beleg für die These, dass die Coronakrise Verhalten und Erwartungen der Konsument*innen dauerhaft deutlich verändern wird.[1] Es werden auch Stimmen lauter, welche in der erhöhten Nachfrage nach biologischen und regional erzeugten Produkten ihre Argumente bestätigt sehen, dass wir es selber in der Hand haben, ob wir nachhaltig konsumieren oder nicht. Wenn wir nur genügend nachhaltige und regionale Produkte nachfragen, werden wir die dringend benötigte Wende im Ernährungssystem schon schaffen. Aber ist der Zusammenhang tatsächlich so eindeutig?

Wir sind der Meinung, dass Konsument*innen sich sehr wohl für nachhaltigen Konsum einsetzen können und auch sollen. Doch sehen wir auch strukturelle Probleme für einen nachhaltigen Konsum. Einerseits ist da die Marktmacht der Grossverteiler, welche oftmals die Preise bestimmen können und mit Produktionsvorgaben sowie eigenen Standards Pfadabhängigkeiten für Produzent*innen generieren. Andererseits sehen sich Konsument*innen bei ihrer Kaufentscheidung mit unzureichender Information über die Herkunft und Produktionsweise konfrontiert. Ein weiteres Hemmnis für nachhaltigen Konsum ist das Nicht-Vorhandensein von genügend (bezahlbaren) Alternativen. Nicht zuletzt entpuppen sich Verhaltensroutinen, bei denen nicht bewusst über das Handeln nachgedacht und deshalb an nicht nachhaltigen Varianten festgehalten wird (Ernährung, Mobilität, Wohnen etc.) und Lebensstile als Hemmnisse für nachhaltigen Konsum. Auch da gilt, Verhaltensroutinen und Lebensstile können von jedem Einzelnen beeinflusst werden, sind jedoch zugleich auch an gesellschaftlichen Strukturen (bspw. Normarbeitszeit von 42+ Stunden) und sozialen Normen (zum Beispiel Vorstellungen darüber, was als brauchbar oder als Trend gilt) gebunden.

Neue Wege für eine gerechtere und ökologischere Wirtschaft

Zusammen mit vielen anderen Initiativen in der Schweiz versuchen auch wir von Palette – Unverpackt Einkaufen Lösungen für diese obengenannten Hemmnisse für einen nachhaltigen Konsum anzubieten. Die Zeit des Lockdowns hat gezeigt, welches Potential die Direktvermarktung (Ab-Hof-Verkauf, Bauernmärkte, Abo-Kisten, Lieferdienste, Kooperationen mit Gastronomie und anderen Grossverbrauchern) innerhalb einer Region haben kann. Diese enge Form der Konsumenten- und Produzentenverbindung trägt zur Existenzsicherung heimischer kleiner und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe bei und führt zur Erhaltung der Kulturlandschaft. In der Schweiz werden jedoch nur 5-7% der Produkte direkt vermarktet. In letzter Zeit konnten sich vor allem in städtischen Gebieten Vertragslandwirtschaften mit ihren Abokisten etablieren, so dass Landwirt*innen unabhängiger von den globalen Lebensmittelmärkten werden und gleichzeitig eine regionale, transparente Lebensmittelversorgung mit intensivem Bezug der Konsument*innen zur Produktion der landwirtschaftlichen Erzeugnisse gefördert wird.

Bereits vor der Coronakrise haben wir im vergangenen Jahr angefangen, ein neues Geschäftsmodell zu testen. Das Konzept unseres Mitgliederabos basiert auf der Idee von Mitgliederläden. Bereits in den 80er Jahren wurden in den USA die ersten Mitgliederläden (FoodCoops) gegründet und können als Lebensmittel(einkaufs)gemeinschaften verstanden werden, welche das Ziel verfolgen, kleinstrukturierte, regionale und biologische (Land)wirtschaft zu fördern. Einerseits erlauben uns die Mitgliederbeiträge eine bessere Planung der Einnahmen und eröffnet uns so neue Möglichkeiten der Kooperation mit Produzent*innen (bspw. Feldpauschalen). Andererseits leisten die Mitgliederabobeiträge einen Beitrag zur Deckung der Fixkosten (u.a Ladenmiete und Personalkosten) und helfen so die Existenz des Ladens langfristig zu sichern. Zudem bieten die im vorausbezahlten Mitgliederbeiträge auch in unsicheren Zeiten gewisse Sicherheiten. Insgesamt fördert und stärkt das Mitgliederabo Produzent*innen und Netzwerke, die regionale und biologische Wirtschaft betreiben wollen und die sich gerade deshalb unter den derzeitigen konventionellen Bedingungen der Lebensmittelproduktion und -distribution nur schwer erhalten können.

[1] https://news.hslu.ch/coronakrise-und-nachhaltiges-konsumverhalten ; https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-05/einzelhandel-konsum-covid-19-coronavirus

Dieser Artikel wurde im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) verfasst. Für den Inhalt ist allein der Autor verantwortlich.